2010-01-30

ARBEIT MACHT ARBEIT

Frigga Haug forderte auf ihrer Eröffnungsrede zum 3. Deutschen Sozialforum "Ein gutes Leben" und "Teilzeitarbeit für alle". Muss die Gesellschaft sich "um die Sonne der Arbeit drehen", um ihr Gleichgewicht zu finden (Marx)? Dass die kapitalistische Gesellschaft aus den Fugen ist, scheint ihr klar. Gibt es zu wenig Arbeit?

'Unserer Gesellschaft geht die Arbeit aus', rufen seit etwa 25 Jahren die Sozialwissenschaftler als handle es sich um ein Bergwerk, das erschöpft ist. Sie bemühen sich, einen Gesellschaftszusammenhalt anders zu finden, nicht über Arbeit, sondern vielleicht über Kommunikation oder über den Konsum und so das Trauerspiel in einem Wellnesscenter zu beenden.

Das Bergwerk als Metapher hat sich seit den Tagen der Jenaer Frühromantik jedenfalls nicht erschöpft. Erschöpft hat sich auch nicht die Prosaik der Marxschen Analyse mit ihren erfrischenden Perspektiven, z.B. auf die Arbeitslosigkeit. Die für das Überleben notwendige Arbeitszeit hat sich eben stark reduziert (notwendige Arbeit). Wer hätte das gedacht? Frigga Haug macht den Mangel an Euphorie bei vielen Menschen angesichts der vielen freien Zeit für viele Menschen an der kapitalistischen Bestimmung der Arbeit als Lohnarbeit fest. Hoffnung auf Anerkennung gibt es nurmehr für die besonders lange Arbeitenden.

So bedeutet Arbeitslosigkeit eine Freisetzung als Beraubung, eine Tragödie diesmal für die Arbeitenden.

Wer wie die deutsche Bundesregierung in dieser Situation an Verlängerung der Wochen- und Lebensarbeitszeit festhalte, so Haug, handle geradezu widersinnig. Immer weniger Hamster rotieren immer schneller, während gleichzeit immer mehr Hamster in den Ecken sitzen und im Fernsehen beobachten, wie dann und wann ein Hamster aus dem Laufrad fliegt.

Die lange Zeit von Hartz IV hat [...] ein Flachland an Resignation und Lähmung hervorgebracht, allenfalls unterbrochen von trotzigen Rufen einiger weniger, dass Arbeitslosigkeit ja das Recht auf Faulheit gewähre. Die Rufe werden in der Bedrohtheit durch die Krise immer leiser. Solidarität schrumpft. Rette sich wer kann.

Frigga Haug sieht die Chance bei Rosa Luxemburg (von der man/frau im Moment nicht weiß, ob sie wirklich in Berlin-Friedrichsfelde begraben ist oder irgendwo umgeht). Die 'sozialen Garantien' des Lebens müssten für alle 'selbstverständlich' sein, um sie in die Lage zu versetzen, sich um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu kümmern, was für Frigga Haug heißt: Politik.

Teilzeitarbeit für alle, um auf die de/zentrale Losung zurückzukommen, macht emanzipations- und gesundheitspolitisch Sinn. Die meisten Teilzeitarbeitsplätze, so eine von ihr aufgeführte Statistik werden von Frauen besetzt, was sie - unter den gegenwärtigen sozialen/sozialpsychologischen Bedingungen - abwertet. Warum müssen sich Frauen als 'Zuverdienerinnen' beschimpfen lassen? Warum arbeiten sich Männer tot, nur um nicht aus ihrer Rolle als familiärer Ernährer zu fallen? Auf den ersten Blick erscheint die Teilzeitarbeit heute als der Inbegriff dessen, was Vollzeitarbeiter fürchten.

Das Leben ist mehr als Erwerbsarbeit - ihre Bedeutung gehört abgewertet.

Es gibt viel Arbeit, die als solche gar nicht an/erkannt wird. Ich sorge mich um Freunde und Angehörige, für das Lebendige um mich. Ist das nicht auch Arbeit? Vom Hausputz nicht zu schweigen. Das Anspielen und Durchspielen von Konfliktsituationen, das Todheitere und Lebensernste des Theaters ist auch ein für Gesellschaften lebensnotwendiger Luxus, der - wie ich aus eigener Erfahrung weiß - sehr viel Zeit und Engagement braucht. Vielleicht muss die Qualität von Arbeit/en anders bewertet werden. Für den Anfang genügt es vielleicht, Situationen daraufhin zu betrachten, was an ihnen Arbeit ist, von wem sie ausgeht und wohin sie führt. Freilich ist es ein Experiment. 'Keine Experimente' ist eine Losung, die eher Angstpolitik beschreibt als irgendetwas anderes. Am Ende von Frigga Haugs Rede kommt das, was immer zu befürchten ist, wenn Hoffnung im Spiel ist. Die Worte gehen ins Ungefähre.


Ähnlich wie John Rawls, der von demokratischen im Unterschied zu anderen politischen Regimen sprach, zielt Frigga Haugs Argumentation auf 'ein neues Zeitregime für unsere Lebensweise'. Der vereinnahmende Plural ihrer ganzen Rede stößt sicherlich so mancher/manchem auf, die/der sich für individuell/unteilbar hält. Bei lebendigem Leib wird niemand gern zerlegt.

Etwas praxisnäher, aber auch perspektivloser, weil journalistischer und systemunkritischer, äußerte sich Kolja Rudzio in der Zeit vom 12. Januar 2010 zur "Arbeitsmarktreform - Rüttgers I statt HartzIV?". Die Selbstverständlichkeit von Worten wie 'Ideologie' und 'Arbeitsmarkt' wird nicht befragt.

| thomas wettengel (c) 2010-01-30 |

2010-01-22

LITERATUR

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blutwurst unserer träume

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mommsen auf dem müllschlucker und
das testament der metzger

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abgehoben mit leichter hand
der unerkannten

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segelnder flug des fensterputzers aus der entfernung beobachtet
oder warum der tiger im tank die blechtrommel doch nicht ersetzt

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die nachdrückliche frage ob man es schriftlich haben will
schiffbruch mir zuschauer

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raumteiler in einem explodierenden universum


| thomas wettengel (c) 2010-01-20 |
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2010-01-19

GESTEN

ich erinnere mich an ein interview, dass ich vor jahren zwei eifrigen, mit einer videokamera ausgerüsteten schülerinnen gab. die frage, soweit ich mich erinnern kann, lautete: was ist schönheit für dich? ich habe der versuchung widerstanden, die frage zu zerpflücken, um zu zeigen, dass ich das abitur bereits hinter mir habe. ich habe sie einfach beantwortet.
meine antwort lautete damals ungefähr so: "ich kann nicht sagen, dass ich diesen oder jenen menschen besonders schön finde. schönheit finde ich in kleinen gesten." als beispiel nannte ich wohl die bewegung eines arms oder etwas ähnliches. das war um das jahr 2005 herum.
es mag zwar allgemeine kriterien geben oder das, was man/frau dafür hält. doch diese kriterien interessieren nicht wirklich. sie helfen niemandem - ausser bestimmten industriezweigen. nennen wir sie den neurotisch-bulämischen komplex (NBK). eine geste ist immer bewegung, nichts eingefrorenes. sie ist ein präsentes dazwischen mit dem versprechen von vernunft, moral oder schönheit. "eine schöne geste", "eine grosse geste" ist ein kompliment, dass jede/r gerne hört.
es gibt auch schiefe gesten. hierzu zählen die ungezählten, ungefragten befreiungsaktionen. hierzu zählt auch der angriffskrieg der usa gegen den irak, also der ungefragte import von freiheit in form von bewaffnetem massentourismus. die so befreiten wollten und wollen sich aber offenbar auch von ihren befreiern befreien. wer hätte das gedacht? schiefe gesten finden sich überall.
eine schiefe geste ist womöglich auch die geldspende für die vom erdbeben traumatisierte haitianische bevölkerung. vor einigen tagen sass ich zusammen mit einer freundin in einem kleinen café im berliner bezirk friedrichshain und fragte sie, ob sie schon für haiti gespendet hätte. sie verneinte. diese antwort bestärkte mich in meinen zweifeln. warum sollte ich spenden? woher weiss ich, wo mein geld ankommt? wie sollte ich das rechtfertigen? und vor wem? "gott ist tot. man hat sein skelett gefunden. es ist 10 kilometer breit und 30 kilometer lang" (heiner müller). ich war allein mit mir und den toten.
und dann habe ich doch gespendet. ich habe den teuersten anruf der letzten zwölf monate getätigt. 5 euro sind dahin. es ist eine geste. es ist keine beruhigende geste. es ist eine schiefe geste. wie sagte ernesto che guevara: "solidarität ist die zärtlichkeit der völker." so war mein anruf als zärtliche geste gerechtfertigt durch das zitat eines toten, der zeit seines lebens erfahrungen mit schiefen gesten gesammelt hat.
vielleicht haben gesten, beispiele und autoritäten etwas gemein. sie sind notwendig, aber schief.

2010-01-12

FRÖHLICHER VIEHTRIEB

so in etwa lässt sich der morgendliche berufsverkehr in berlin beschreiben. schon im u-bahnhof friedrichsfelde fehlen die freundlichen kleinen männer aus tokio mit den weissen handschuhen, die die fahrgäste höflich, aber bestimmt in die waggons pressen. also muss sich der fahrgast in berlin selbst helfen, mit frotzelnden bemerkungen und der gewissheit, dass er wenigstens nicht umfallen kann.
das umsteigen von der u-bahn zur ringbahn der s-bahn am bahnhof frankfurter allee gleicht einem selbstverwalteten viehtrieb, mit einem stau an der treppe zur oberfläche, bei dem es verwunderlich ist, dass niemand zu schaden kommt. 400 menschen trotten und hetzen, alle mit der gleichen geschwindigkeit, nebeneinander her, hinauf zur befreienden oberfläche.
die menschen um mich gleichen nicht dem uniform daherstapfenden figurenornament in fritz langs METROPOLIS, sondern eher dem müde, aber zu anarchischen ausfällen bereiten menschenstrom mit seinen wirbeln und kleinen gegenströmen in slatan dudows KUHLE WAMPE. vor allem aber gleichen sie menschen im berufsverkehr. sie sind nicht mehr zuhause, sie sind noch nicht in der schule oder in ihrer arbeit, sie sind dazwischen. sie sind doppelt dazwischen, zwischen den menschen und zwischen den orten, unterwegs.
im sommer wäre es schlimmer.

de.wikipedia.org/wiki/Metropolis_(1927)
de.wikipedia.org/wiki/Kuhle_Wampe

2010-01-03

THOMAS HARLAN: DIE STADT YS

es ist ein seltsames buch. es ufert aus. es nimmt den leser mit. es nimmt ihn mit hinter die grenzen seiner selbstverständlichkeit. es hat vieles, was von einem buch erwartet wird: zwei buchdeckel, kapitel, wörter, absätze, kapitel, geschichten, figuren. vieles unerwartete, vieles nicht erwartbare kommt auch auf den leser zu: thomas harlan ist nicht an eindeutigkeiten interessiert, nicht an lesebühnenwitzen (die für mehr als zehn leseminuten ohnehin nichts taugen, so wie ponys nichts für polarexpeditionen sind) und runden sachen.

DIE STADT YS ist ein politisches buch. es ist kein schwarz-, sondern eine art graubuch des kommunismus, eines von vielen, von ungezählten möglichen, mögliches und unmögliches beschreibend.

[...] Die schönsten Menschen, denen ich je im Leben begegnet bin, waren Kommunisten. Das stimmt, so wie ich es sage. Es gibt keine Schöneren. Gab keine, wird keine geben, Kommunisten gibt es nicht mehr, sie sind ausgestorben. Etwas, womit ich nicht fertig werde, ist der Unterschied zwischen den Kommunisten und dem Kommunismus. Warum es ihn gibt, begreife ich nicht. Doch er ist da, da ist er: Der Kommunis-|17|mus kann mit den Kommunisten nichts anfangen; sie stören ihn. Weil aber der Kommunismus von Kommunisten gemacht wird und also von denen, die ihn machen, nicht gestört werden kann, wird er eben doch gestört; woraus man den Schluss ziehen muss, dass, wer den Kommunismus, ja, wie soll man das sonst nennen, wer den Kommunismus 'macht', aufhören muss, Kommunist zu sein und sich in eine Sache verwandelt, die gute Sache des Kommunismus; doch wie er dabei den Widerspruch überbrückt zwischen dem Kommunismus, der er ist oder war, und dem Kommunismus, der ihn zum Kommunisten gemacht hat, weiß ich nicht; überbrücken kann man Widersprüche ohnehin nicht, nur auflösen, aber das ginge jetzt zu weit; und wahrscheinlich geht sowieso alles zu weit und wahrscheinlich ist der Tod der Kommunisten, die für den Kommunismus gestorben sind und noch immer sterben, der Tod des Kommunismus, und so sind also die Schönen, die einmalig der besseren Welt ähnlichen, der herrlichen Welt verwandten Wesen einmalig herrlich und der Tod auch der guten Sache und die Sache schlecht und umso schlechter als das Gute noch lange nicht tot. Überbrückt doch, Kinder, um Gottes willen, nichts! Punkt. Absatz. (16-17)

überbrückungen, unterbrückungen sind sache und verfahren dieses buchs. geschichten werden erzählt, wie sie doch keiner glaubt, der schon alles und noch nichts gesehen hat, geschichten aus einem land vor unserer zeit, das zu seiner zeit ein land nach unserer zeit sein wollte, und das von staats wegen abstarb. DIE STADT YS ist auch ein buch über teile der jüngsten russischen geschichte mit ihren ausläufern in die zeiten vor dieser jüngsten zeit.

harlan handelt, das ist sein handeln, schriftlich vom umgang der lebenden mit den toten und vom (mutmasslichen) umgang der toten mit den lebenden und untereinander. harlan liefert die amüsante beschreibung einer internationalen, multikulturellen, aber-, über- und unterwitzigen totenstadt, ohne sich mit billigen witzen aufzuhalten. kalauer nimmt er mit, wenn er sie in seinen grossen wandteppich einweben kann, unseren wandteppich, der vor unserer sehnsucht nach einer anderen welt hängt, oder

[...] hinter einem mit Latten verschalten Jenseits [...] (235)

je nach dem standpunkt.

[thomas harlan: die stadt ys und andere geschichten vom ewigen leben, frankfurt am main: eichborn 2007, 280 seiten, erhältlich bei den amazonen und bibliothekarinnen ihres vertraue[r]ns, !vorsicht - enthält anleitungen zum besonderen gebrauch von honigbienen!]